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SUMMER-of-ENGINEERING 2019

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SUMMER-of-ENGINEERING 2019

2019 02

2019 02 Fraba-Geschäftsführer Christian Leeser (rechts) im Gespräch mit dem Leitenden Chefredakteur Dirk Schaar 03 Jörg Paulus (links): „Durch Mass Customization erhält der Kunde sein Produkt innerhalb von nur drei Tagen“ SUMMER OF ENGINEERING nämlich alle Mitarbeiter in einem Spiel. Und zwar als Team, bei dem alle zusammen ein Ziel verfolgen und jeder seinen Beitrag dazu leistet. „Wir haben dabei nicht den Anspruch es jedem Recht zu machen. Wir sind sehr polarisierend“, räumt er ein. Die Ideen zu der neuartigen Unternehmensgestaltung kamen den Brüdern Christian und Dr. Achim Leeser bereits während ihrer früheren Zeit als Unternehmensberater. Ihnen fiel auf, dass Großunternehmen „sehr verschwenderisch mit dem Tatendrang der Mitarbeiter umgehen. Junge Leute fangen in einem großen Unternehmen an, mit dem Ideal, etwas verändern zu wollen. Trifft man dieselben Leute fünf Jahre später wieder, dann sind aus ihnen an gepasste Systemoptimierer geworden.“ Dies wollten sie besser machen. So reifte nach mehreren Jahren mit unzähligen Diskussionen die Idee, eine Organisation aufzubauen, die den jungen Leuten nicht ihre Grenzen aufzeigt, sondern ihnen zeigt, dass sie mehr schaffen können, als sie sich zutrauen. „DIE FIRMA MUSSTE PLEITE SEIN“ Den Grundstein legten sie in den 90er Jahren. Nachdem Christian Leeser seinen Job bei einem renommierten Beratungsunternehmen an den Nagel gehängt hatte, machte er sich auf die Suche nach einem passenden Unternehmen. „Wir hatten kein Geld. Das heißt, VIDEO www.summer-of-engineering.de/fraba_2018 Kommen Sie mit auf die spannende Reise durch die Welt von Spielfreude und Drehgeber-Technologie bei Posital Fraba in Köln und Aachen die Firma, die wir kaufen wollten, musste pleite sein.“ Aufgrund familiärer Verbindungen trafen die Brüder auf die Fraba GmbH, deren Name auf den Unternehmensgründer Franz Baumgartner zurückgeht. Im Jahr 1918 – also vor genau 100 Jahren – ließ sich Baumgartner den „Petri-Schalter“ patentieren und verdiente sein Geld im Bereich elektrischer Steuerungssysteme, später dann elektronische. 1993 kauften die Leeser-Brüder dann zusammen mit ihrem Partner Axel Wiemann das Unternehmen. „Das Gebäude war eine Ruine, die Pipeline der Produkte war leer, die Fertigung war ein Chaos und die Mitarbeiter demoralisiert. Alles platt.“ erinnert sich Christian Leeser. Also ideale Voraussetzungen für einen radikalen Neustart. Es begann die Neustrukturierung des Unternehmens, die auf vier Firmenwerten aufbaut: Kompetenz, vollständige Information, faires Geben und Nehmen sowie dynamische Entwicklung. VOLLE INFORMATIONS-TRANSPARENZ Es ist aber nicht der eine Schlüssel, der in der Fraba-Gruppe zum Erfolg führen soll, sondern eher ein ganzes Schlüsselbund. Das fängt bei der offenen Informationspolitik an. Jeder Mitarbeiter hat Zugriff auf alle Primärdaten. Es herrscht volle Transparenz in allen Bereichen. Um der Globalisierung Rechnung zu tragen, und damit 26 SUMMER of ENGINEERING 2019

SUMMERof 2019 ENGINEERING auch die Mitarbeiter im Ausland Zugang zu den Daten haben, ist die Firmensprache seit 15 Jahren konsequent Englisch. „Wir können ganz locker Leute einstellen, die kein Deutsch sprechen“, ist sich Christian Leeser sicher. Auf diese Weise verschafft sich die Unternehmensgruppe einen weiteren Vorteil bei der Rekrutierung von qualifizierten Mitarbeitern. An der Universität in Aachen etwa werden auch Studiengänge mit Abschluss in Englisch angeboten, die Studenten aus der ganzen Welt anlocken. So beschäftigt die Fraba am Standort Aachen (hier ist die Forschungs- und Entwicklungsabteilung) 40 Mitarbeiter mit 20 verschiedenen Nationalitäten. Die offene Informationspolitik spiegelt sich auch beim internen Kommunikationssystem wider, mit einem „Datenstrom wie bei Facebook“, den sich jeder für seinen Bereich filtern kann. Grundsätzlich könnte also jeder Mitarbeiter jeden Post sehen. „Alles was in anderen Firmen geheim ist, steht da drin. Sogar die Gehälter. Wir wollen, dass die Leute mehr wissen als in anderen Firmen. Sie sollen auch nach rechts und links schauen, was hier rundum passiert“, so Leeser, „Das entscheidende ist eigentlich, dass Mitarbeiter ein Know-how einbringen, das sie auf ihrer Position gar nicht haben müssten. Das ist wie eine Industrie-4.0-Verknüpfung unserer Mitarbeiter. Eine Anfrage aus Spanien wird etwa in Singapur beantwortet, weil hier jemand die Antwort kennt. Wir glauben daran, dass die Organisation am leistungsfähigsten ist, wenn alle Informationen ohne Widerstände dahin fließen“, so Leeser. DYNAMISCHE ENTWICKLUNG FÖRDERN Ebenso einzigartig ist das Hotelkonzept in Köln: Im großen, weiß gehaltenen Raum stehen viele gleichartige Arbeitsplätze zur Verfügung. Wenn hier abends das Licht ausgeht, dann sind alle Tische leer, denn niemand weiß, an welchem Arbeitsplatz er morgen sitzt. Jeder Mitarbeiter hat einen kleinen Rollcontainer für seine persönlichen Unterlagen und „checkt“ sich morgens im „Bürohotel“ an einem freien Platz ein. Zudem gibt es keine Sichtbarrieren, was die offene Firmenphilosophie unterstreicht. Kurios ist auch die folgende Maxime: „Die oberste Aufgabe eines jeden Mitarbeiters ist es, sich in seinem Spezialgebiet überflüssig zu machen“. Leeser erklärt weiter: „Das geht natürlich nur, wenn der Mitarbeiter dadurch keinen Nachteil hat. Und mit Vertrauen. Wenn Jemand es geschafft hat, sich überflüssig zu machen, dann wird er dafür belohnt. Und ich muss dafür Sorge tragen, dass der Mitarbeiter eine neue Herausforderung bekommt, die seinen Fähigkeiten entspricht“. FERTIGUNG IN INDUSTRIE-4.0-MANIER Den großen Schritt in Bezug auf die Produktion machte Posital Fraba im Jahr 2004. Das bisherige „handwerkliche Geschäftssystem“ barg zwar wenig Risiken, im Gegenzug war es aber weder skalier- noch globalisierbar. Also ersetzten sie es gegen ein komplett digitalisiertes industrielles System. „Das heißt, wir mussten die Flexibilität des Handwerks durch Massen an computergenerierten Produkten ersetzen. Wir drücken nur auf den Knopf, dann laufen die Prozesse ab, und das Teil wird komplett industrialisiert und digital zusammengebaut“, so die Vision der Leeser-Brüder. Für diesen Schritt wurde die Fertigung von Deutschland in das lohnkostengünstigere Polen verlegt, genauer gesagt nach Slubice, wo derzeit rd. 170 000 Geber pro Jahr nach Kundenwunsch gefertigt werden. Und zwar in einer hochmodernen Produktion ganz nach Industrie-4.0-Manier. Für die massenhafte Fertigung von Drehgebern in Losgröße 1 wurden die kompletten Produktionsabläufe 04 Blick in die digitalisierte Produktion von Drehgebern in Losgröße 1 nach Industrie- 4.0-Manier im polnischen Slubice SUMMER of ENGINEERING 2018 27

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